„Die Demokratie ist immer dann gefährdet, wenn die Menschen beginnen, sie für selbstverständlich zu halten.“ Mit diesem Gedanken von Barack Obama lässt sich eine zentrale Frage des Abends überschreiben: Ist Demokratie, mit Blick auf die Welt, in der wir leben, tatsächlich der Normalzustand?
Im Rahmen der „Rhein-Wieder-Gespräche“ durften wir anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Rhein-Wied-Gymnasiums einen besonderen Gast begrüßen: Prof. Dr. Norbert Lammert, den langjährigen Präsidenten des Deutschen Bundestages (2005–2017) und heutigen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Lammert gratulierte dem RWG zu seinem besonderen Jubiläum – und verwies auf eine bemerkenswerte Parallele: Auch Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, wäre in unserem Jubiläumsjahr 150 Jahre alt geworden.
In seinem Vortrag „Demokratie braucht Demokraten“ nahm Lammert das Publikum mit auf einen großen historischen Streifzug durch 150 Jahre deutsche Geschichte – von der konstitutionellen Monarchie über die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Diktatur bis zur deutschen Teilung und der heutigen Bundesrepublik. Im Mittelpunkt des Abends stand allerdings nicht nur der Blick zurück. Vielmehr stellte Lammert die grundsätzliche Frage, woran sich eigentlich erkennen lässt, ob ein politisches System tatsächlich demokratisch ist. Denn der Begriff „Demokratie“ hat sich weltweit durchgesetzt: Kaum ein politisches System bezeichnet sich selbst als undemokratisch. „Die Selbstauskunft eines politischen Systems liefert nicht immer die Information, ob das System diese auch lebt“, erklärt Lammert.
Demokratie, so wurde deutlich, zeigt sich nicht allein darin, dass eine Verfassung demokratische Prinzipien formuliert. Entscheidend ist, ob diese Prinzipien tatsächlich umgesetzt werden. Dazu gehören unter anderem regelmäßige Wahlen, echte Alternativen und faire Wettbewerbsbedingungen zwischen politischen Kräften, die zeitliche Befristung politischer Ämter und Funktionen, klar begrenzte Zuständigkeiten staatlicher Institutionen, unabhängige Gerichte und einklagbare Grundrechte. Gemessen an solchen Kriterien gibt es weltweit nur eine vergleichsweise kleine Zahl tatsächlich demokratischer Systeme.
Besonders eindringlich war Lammerts Blick auf die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Demokratie ist kein sich selbst erhaltendes System. Sie steht und fällt mit dem Verhalten der Menschen, die in ihr leben – mit ihrer Einsicht und ihrer Bereitschaft, die gemeinsam und selbst auferlegten Regeln auch dann für verbindlich und wichtiger zu halten, wenn persönliche Interessen oder Ziele etwas anderes nahelegen.
Damit wurde der Abend weit mehr als ein Rückblick auf 150 Jahre deutsche Geschichte: Er wurde zu einem Denkanstoß darüber, was Demokratie im Alltag bedeutet und welche Verantwortung jeder Einzelne für ihr Funktionieren trägt.
Durch den Abend führten zwei Schülerinnen des RWGs: Fine Schellinger (9d) und Lena Neufeld (MSS 12) übernahmen die Moderation und begleiteten souverän durch Vortrag und Gespräch.
Dass das Interesse an den Gedanken Lammerts groß war, zeigte sich spätestens in der anschließenden Fragerunde: Zahlreiche Fragen aus dem Publikum boten Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Prof. Dr. Lammert nahm sich dabei die Zeit, die Fragen ausführlich zu beantworten und mit den Gästen ins Gespräch zu kommen.
Herzlichen Dank an Prof. Dr. Norbert Lammert für diesen spannenden und anregenden Abend und an Fine Schellinger und Lena Neufeld für die gelungene Moderation!
(Text und Fotos: Christine Hahn)
- Das Publikum stellt Fragen
- Lammert im Gespräch mit Fine und Lena
- Ein Abschlussbild: Fine Schellinger, Lena Neufeld, Prof. Dr. Norbert Lammert, 1. Kreisbeigeordneter Philipp Rasbach, Schulleiter Helmut Zender








