(Grafik: Luca Ness)

Hey RWG,

es ist kein Read-Weekly-Gossip-Montag, heute veröffentlichen wir ausnahmsweise an einem Donnerstag, da die letzten drei „Karnevalstage“ aber schulfrei waren, ist es quasi der erste Schultag dieser Woche. Und ich muss ehrlich zugeben: Für mich als Abiturientin und Karnevalistin war in den letzten zwei Monaten ziemlich viel los… da musste man sich mal eine kleine Auszeit nehmen.

Apropos Karneval – genau darum wird es heute auch in diesem Artikel gehen! Die sogenannte „5. Jahreszeit“ ist für uns Rheinländer nämlich eine sehr besondere Zeit. Am 11.11. um 11:11 Uhr geht es immer los: Verkleidungen, Schminke, Konfetti, Musik und das ein oder andere Kölsch. Das Ganze dauert bis zum Aschermittwoch, welcher meistens auf den Februar oder März fällt, wodurch richtige Karnevalisten durchaus ein paar Monate am Durchfeiern sind – anders lässt es sich nicht sagen.

Doch was soll das Ganze eigentlich? Ist Karneval wirklich nur eine Veranstaltung zur Vergnügung, oder steckt noch mehr dahinter? Um diese Frage zu beantworten, muss man einen Blick auf den Ursprung des Festes werfen. Dieser liegt nämlich ca. 2000 Jahre vor unserer Zeit in Köln, wobei die Stadt damals noch „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ hieß. Genau hier wurden bereits von den Römern Feste zu Ehren des Gottes Saturn gefeiert, wobei dabei auch ausgelassen getrunken, getanzt und gelacht wurde. Diese Feste fanden meistens in den Monaten von Dezember bis April statt, weswegen es auch die Erzählung gibt, dass man mit diesen Feierlichkeiten die Winterdämonen vertreiben wollte.

Aber wie entstand daraus nun der Karneval, wie wir ihn heute kennen? Dafür ist wichtig zu wissen, dass der Karneval bereits sehr früh in Verbindung mit der Kirche stand. Im Jahr 380, als das Christentum im römischen Reich immer mehr an Einfluss gewann und schlussendlich als offizielle Staatsreligion anerkannt wurde, blieben dabei auch die Feierlichkeiten des Volkes nicht unverändert. Für die christliche Kirche war es jetzt wichtig, dass nicht Dämonen, sondern eben der Teufel durch das Feiern vertrieben wurde. Zudem wurde erwartet, dass nach den Tagen des
ausgelassenen Feierns mehr gebetet und weniger gegessen wurde, was als Ursprung des heutigen christlichen Fastens von Aschermittwoch bis Ostersonntag angesehen werden kann. Dies lässt sich auch von der Begrifflichkeit des Wortes „carnevale“ (lateinisch) ableiten, wobei sich „carne“ als „Dem Fleisch“ und „vale“ als „Lebewohl“ übersetzen lässt. Doch die Menschen ließen sich damals nicht vollständig von der Kirche beeinflussen und gestalteten das Fest aktiv weiter mit. Nicht selten wurden von Komödianten Spottlieder auf öffentlichen Festplätzen oder in Gästehäusern gesungen, wobei sich diese oft gegen die Obrigkeiten richteten.

Auch später, zur Zeit der französischen Revolution, als Napoleon das Rheinland besetzte, änderte sich daran wenig. Zwar wurden öffentliche Feierlichkeiten von den Franzosen verboten, jedoch hielt das die Menschen kaum vom Feiern ab. Im Gegenteil: Der französische Militarismus mit seinen Uniformen, Orden, Fahnen und dem Marschieren im Gleichschritt schüchterte das Volk wenig ein. Stattdessen wurde sich mehr über das französische Erscheinungsbild amüsiert, indem dieses bei den Feierlichkeiten nachgeahmt wurde.

Dies erklärt also, warum wir heute auf Karnevalssitzungen so viele Soldaten mit Perücken und Säbeln auf der Bühne stehen haben. Auch der Gardetanz mit seinen Hüten und Uniformen sieht vor, dass die Tänzer*innen ihre Schritte an das gleich getaktete Marschieren und Stolzieren anpassen. Wenn ihr also nächstes Jahr wieder auf einer Karnevalssitzung seid, könnt ihr ja mal genauer hinschauen und beobachten, inwiefern euch dabei die Tänze und Kostüme an französische Soldaten erinnern. Wenngleich wir uns heute weniger über französische Soldaten, sondern mehr über das aktuelle Zeitgeschehen lustig machen, hat sich an dieser Tradition wenig geändert: Karneval ist und bleibt eine Möglichkeit, auf humorvolle Weise ordentlich Kritik an gesellschaftlichen Missständen aufzeigen zu können. Dabei bedienen wir uns heute der gleichen Methode: durch Büttenreden können sich Komödianten über die Politik und ihre Akteure lustig machen und die berühmten Karnevalswägen am Rosenmontag zeigen riesige Karikaturen von beispielsweise Putin, Trump oder auch deutschen Politikern wie Alice Weidel auf, wobei dabei immer eine politische Botschaft deutlich wird.

So war letztes Jahr in Köln ein riesiger Putin zu sehen, welcher in einer Badewanne voller Blut sitzt. Eine deutliche Anspielung und scharfe Kritik an seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Genau jener Wagen wurde von dem Düsseldorfer Bildhauer sowie Wagenbauer Jacques Tilly
gebaut, welchem tatsächlich nun von der russischen Justiz „Verunglimpfung der Staatsorgane“ vorgeworfen wird. Seit Dezember letzten Jahres läuft in Russland sogar ein Prozess gegen ihn, bei welchem er allerdings nie erschienen ist. Ihm droht eine Geld- sowie Haftstrafe von bis zu zehn Jahren, wobei sich Tilly davon jedoch nicht einschüchtern lässt. Statt seine Arbeit einzustellen, provozierte er dieses Jahr erneut mit seinen kreativen Darstellungen des russischen Präsidenten auf den Straßen des Düsseldorfer Karnevals.

Genau dieses Beispiel zeigt somit, welche Wirkung und Reichweite der politische Anteil des Karnevals mit sich trägt. Wenn sich selbst Putin, welcher im weit entfernten Russland sitzt, von dem deutschen Karneval provoziert fühlt, stellt sich die Frage, inwiefern die Kritik bei unseren deutschen Politikern ankommt. Denn zwischen Kamelle und Konfetti werden jedes Jahr auch innenpolitische Botschaften deutlich. So wird jedes Jahr auch ein Zeichen gegen Hass, Rechtsextremismus und entsprechend die AfD gesetzt und sich für Werte des Respekts, der Vielfalt sowie Toleranz eingesetzt. So wurde dieses Jahr beispielsweise in Mainz vom Bündnis „Mainz4Democracy“ die politische Kundgebung „Narren gegen Nazis“ organisiert, wobei dabei auch eine Petition namens „Keine Schunkelrunde mit Nazis“ übergeben und von mehr als 4.500 Menschen unterschrieben wurde.

Die Botschaft lautet also: Unsere Gesellschaft soll genauso bunt sein, wie die Straßen an den Festtagen selbst! Karneval ist somit nicht einfach eine große Saufveranstaltung, sondern bietet einen friedlichen Protest gegen sämtliche gesellschaftliche Missstände. Es ist eine Möglichkeit, Gebrauch von unserer Meinungsfreiheit zu machen und somit unsere Demokratie weiter zu stützen. Dass es heutzutage zu Vorfällen wie im Beispiel von Jacques Tilly kommt, zeigt, dass unsere Meinungsfreiheit ein großes demokratisches Privileg ist, jedoch auch, wie zerbrechlich diese sein kann. Hier wird deutlich, warum wir unsere demokratischen Grundprinzipien und somit auch unseren Karneval in Zukunft nur noch mehr schützen müssen!

Ich hoffe ihr konntet in diesem Artikel etwas lernen – vielen Dank fürs Lesen!
Bis nächste Woche,
euer Blog!

(Text: Oona Glawe)